Mittwoch, 14.11.2007
Ernesto Perren
Bergschriftsteller, Bergbuchautor,
Zermatt-Autor, Essayist und Lyriker

Biographie - Publikationen - Textproben

Biographie:

Bergschriftsteller, Essayist und Lyriker; 1941 an St. Sylvester in Zermatt geboren: Am 1. 1. 1942 eingetragen: "Es war mir nicht vergönnt, zurück auf Verfliessendes zu Schauen, das Neue - Ungeborene griff frevelhaft nach mir; Die 'Lüge' der Geburtseintragung prägte mich mit dem Makel des Janusgesichtigen, des zwischen Hüben und Drüben Zaudernden." Flair für Sprachen und Kulturen mit Schwerpunkt Lateinamerika: Als ehemaliger SWISSAIR Mitarbeiter und früherer selbständiger Trekkingleiter weit herum gekommen.

Adresse: Winkelmattenweg 61 3920 Zermatt

Mitglied des Verbandes Autorinnen und Autoren der Schweiz; Vizepräsident des Walliser Schriftsteller/Innen -Vereins

AdS

Schriftsteller-Lexikon der Schweiz

Autorenhaus Autorendatenbank


Publikationen:

Wenn Erde und Himmel sich berühren

Berg-, Natur- und Stimmungslyirk.Ein Hauch Bergewigkeit verwoben in Rhythmus und Klang.

ISBN 3-95121462-0-X; Verlag Montserrat 3920 Zermatt

Leinenband mit Illustrationen von Rudolf Mirer, Yolanda Perren und Adolf Brigger. Ein sinniges Andenken an Zermatt und seine übermächtige Bergwelt.

In allen drei Buchhandlungen von Zermatt

Hotels erzählen

150 Jahre Riffelberg
125 Jahre Grand Hotel Zermatterhof

ISBN 3-907624-64-5; Rotten Verlag

Das Riffelhaus - wie es die Zermatter liebevoll nennen - ist weit mehr als irgend ein Berggasthof; es ist der einzige noch lebende Zeitzeuge der goldenen Epoche des Alpinismus (1855 - 1865) an deren Anfang es das Licht der Welt erblickte - und es verbindet Gestern und Heute.

Das Grand Hotel Zermatterhof repräsentiert steingeronnenen Burgerstolz, spiegelt «das bessere Ich» der Zermatter und entzieht sich, hierin beinahe dem «Mythos Matterhorn» ähnlich, jeder profanen (sprich ökonomischen) Räson. Denn das vor 125 Jahren von unseren Vorfahren im Frondienst erbaute Grandhotel betont währschafte Beständigkeit und figuriert erst noch als feinste Adresse am Ort.

Burgergemeinde oder in allen drei Zermatter Buchhandlungen

Wanderführer Zermatt

Wanderungen rund um Zermatt

ISBN 3-907 624-30-0; Rotten Verlag

Zermatter Topseller

Mit seinen ungefähr 450 km Wanderwegen ist Zermatt das Wanderparadies par excellence. Dieses liebevoll geschriebene Büchlein präsentiert nicht nur die schönsten Wanderungen, sondern wartet darüber hinaus mit viel Wissenswertem über Zermatt auf: Geschichte, Geologie, Fauna und Flora des hochalpinen Bergdorfes und seiner eindrücklichen Landschaft.

Rotten Verlag oder in jeder Buchhandlung

 

Hiking Guide Zermatt (English Edition)

Zermatt Topseller

ISBN 10: 3 -905756-05-06; Edition Rotten Visp

Translated by Margirt and Walt Engel-Perren

Rotten Verlag or in all Bookshops

Kulturtourismus

Am Wege zur leuchtenden Pyramide, ein Weisshornbuch

Das Weisshorn und seine 100-jährige Hütte

Nach vielen Matterhornbücher nun endlich ein Weisshornbuch!

Text: Ernesto Perren; Fotos: Luzius Kuster; ISBN 3-907 624 -05-X; Rotten Verlag

Einladender, spannend geschriebener, mit vielen alten Skizzen, Stichen, Faksimiles, Porträts aufgelockerter Dokumentarband.
Die Berge: Mystik und Geologie, Hintergründe.
Das Weisshorn: Der Berg, der Sehnsucht weckt, Umgebung, Nachbargipfel, Gestalten, Geschichte nd Geschichten, die Hütte.

Drohender Biesgletscher

Rotten Verlag oder in jeder Buchhandlung

Wallis deine Berge

Text: Ernesto Perren; Fotos: Ludwig Weh; ISBN 2-907 624-28-9; Rotten Verlag

Vom Schweizer Alpenclub empfohlen. Schon 3. Auflage in drei Jahren! Nun gemeinsam mit dem SAC Verlag.

Die schönsten Gipfel im Bild gebannt, im Wort eingefangen. Eine gelungene Symbiose von Wort und Bild. Ein Walliser Gipfelbrevier, das aus der Fülle der Bergbücher herausragt wie das Matterhorn aus dem Wolkenmeer. Das erfolgreiche und preisgünstige Bergbuch aus dem Wallis.

Mit dem Preis der Gemeinde Zermatt zum UNO-Jahr der Berge bedacht.

Kulturtourismus

Rotten Verlag , SAC Verlag (der SAC empfiehlt) oder in jeder Buchhandlung

100 Jahre im Banne des Monte Rosa

Text: Ernesto Perren; ISBN 978-3-905 756-27-2; Rotten Verlag

Geschichte und Geschichten

Kulmhotel Gornergrat

Dieses Gornergrat-Buch weitet sich zu einer facettenreichen, hintergründigen Betrachtung über die Entwicklung von Zermatt. Sie streift die Hotelchronik, verweilt bei Bergen und Landschaft, schürft in der Walliser Geschichte und stellt - über diesen historischen Bezug hinaus - alles in den Kontext der geistesgeschichtlichen Entwicklung.
Sie entlarvt unsere von Fakten und Zahlen besessene Zeit und hält ihr als Spiegelbild die weniger zweckbestimmte, aber beseelte Gesinnung unserer Vorfahren entgegen.
(Auszug aus dem Vorwort von Andreas Biner, Burgerpräsident Zermatt)

Burgergemeinde, Rotten Verlag oder in jeder Buchhandlung

 

Weitere Publikationen

  • Beiträge in Büchern: "Die Melodie der Dinge" von Otto Supersaxo, Hauptbeitrag in "die Registerhalter des weissen Bezirks": Landvermessung einst und jetzt. Talwind, Oberwalliser Ggegenwarts-Literatur, usw.

  • Essays in Zeitschriften und Zeitungen: "Orte" Schw. Literaturzeitschrift: Vom Mythos zum stilisierten Wagnis, Eine kleine Entwicklungsgeschichte des Bergsteigens. "Echo" SWISSAIR NEWS, Walliser Bote, usw. z. B."Das Unbehagen in der Kultur" usw. Orte Verlag

  • Lyrikbeiträge in Anthologien: z. B. Mohland Verlag, Hager, Lyrische Annalen, Walliser Jahrbuch usw.

  • Matterhorntext für SWISSMINT "Die Münze des Jahres" Swissmint

  • Liedtexte für Giovanni Gobbi, Eugen Meier und Hanspeter Brantschen

  • Artikel, Reise- und Bergberichte: SWISSAIR NEWS; WB; Die Alpen; Engadiner Zeitung; usw.

  • Die Alpen DIE WORTWEBER

Yolanda Perren -Terzi

Marmota Marmota


Kinderbuch ISBN 978-3-905756-51-7 / Fr 29.– Rottenverlag Visp
38 Seiten, 18 Aquarelle, 30 x 22 cm, Pappband,

 

Annina darf die Sommerferien in den Bergen verbringen. Beim Wandern macht sie viele spannende Entdeckungen. Von den putzigen Murmeltieren ist sie hell entzückt! Im Traum findet Annina zurück in die Welt der liebenswürdigen Nager und nimmt während eines ganzen Jahres an ihrem faszinierenden Leben teil.
Für alle Kinder von nah und fern, die das liebenswürdige Alpenmurmeltier kennen lernen möchten und die an Träume glauben. Dieses liebevoll gestaltete Kinderbilderbuch versucht sowohl den Kindern als auch den Murmeltieren gerecht zu werden. Es eignet sich vorzüglich zum Vorlesen und -zeigen für Kinder im Vorschulalter, sowie für Natur-Projektwochen in Kindergärten und in der Unterstufe, und als Lektüre für Kinder ab dem zweiten und dritten Lesealter.

Text und Aquarelle von Yolanda Perren-Terzi

Textproben
 
Venedig

Hier dämmert Zeit,
Gefangen
Von Wasserewigkeit,
Die - zeitlos weiblich -
Verwelkendes dem Tod verwehrt.

Dem Meere männlich abgetrotzt,
Dem Meere, das dich stets bedroht;
Dem du vermählt -
Das todgeweiht Schönheit spiegelt.

Dein Lied
- Des morschen Abendlandes
Schwanengesang -
Verhallt im Gassenlabyrinth,
In der betört ein müder Tritt
Fortwährend sich verirrt:
Entrinnen gibt's hier nicht!
Nur Tod!


Zinalrothorn

Glühend dein Fels,
Und glühend rot
Verleitest Kühnheit in die Höhe,
Am Himmelsrande zu verweilen.


Matterhorn

M ächtig prangst Du, Form der Formen,

A rchetypus, bergvollendet,

T ranszendenz von allen Normen,

T raumberg, Deine Schönheit blendet!

E rdenschwere überwindend

R agst hinein in höchste Sphären,

H immelslicht mit Fels verbindend,

O ben erst Dich zu erklären:

R eines Herz erfasst im Spiel,

N ur im Weg liegt unser Ziel!

 

Allalin

Geheimnis aus dem Morgenland,
Von Sarazenen hergebracht
Aus tausend und aus einer Nacht,
Als Sphinx im Eise Zuflucht fand.

Orpheus' verschmähte Leierkraft
Entsiegelt' wohl das Zauberwort;
Noch schläfst in leiser Ahnung fort,
Verhüllt in Wolken schleierhaft.

Ein Schatten fremd und ahnungszart,
Verzaubert Berge, Licht und Schnee;
Fallt auf das Dorf der Gletscher-Fee,
Die dieses Rätsel streng bewahrt.

Aus Essays

Plötzlich und ungeladen war sie da - die Krise, berührte jeden irgendwie, brachte den Boden unter den Füßen ins Wanken und ließ ein Gefühl des Unbehaustseins zurück.

Zwar hatte sie sich leise schon früher angekündigt: Ein Hauch "Unbehagen in der Kultur" regte sich sacht'; er ließ sich bequem verscheuchen. Der Alltag, einer überlegenen, westlichen Lebensform, hatte uns wieder; eine Kultur, die sich gerade anschickte, die Welt in einen - uns konformen Raster zu pressen und ihr ein aus abendländischen Werten gewobenes - Gewand zu verpassen; das einzig kleidsame, wie wir uns vermaßen.


* * * **

Grenzen trennen, schirmen ab, bergen politischen Zündstoff; öffnen, verlocken und versöhnen. Aber Grenzen zwischen Ländern, Regionen und Kulturen sind niemals hermetische Trennlinien, sie greifen - zur Freude mancher, zum Leidwesen anderer - in einander über; sind durchlässig.

Diese Durchlässigkeit befruchtet, regt durch bespiegelndes Vergleichen zur Reflexion an, verinnerlicht, vertieft und artikuliert die eigene kulturelle Identität. Das wäre an und für sich höchst wertvoll für die Entfaltung des Menschengeschlechts. Doch die Geschichte und der Alltag zeigen: An Grenzen scheiden sich die Geister: Die Berührung mit anderen Kulturen äussert sich polar in zwei grundverschiedenen Denk- und Verhaltensmustern. Je nach der inneren Reife, welche ein souveränes Selbstbewusstsein voraussetzt, in wohlwollender Bejahung des Andersseins; in Toleranz, oder in enger, ängstlicher Abschottung. Freilich müssen wir einräumen, dass eine gewisse Abgrenzung ein Teil der Wegstrecke zu einer persönlichen Selbstfindung säumt. Nur die, welche sich in voller Selbstsicherheit wiegen, bedürfen ihrer nicht mehr. Grenzbegegnung führt also entweder zur inneren Bereicherung, zur kulturellen Vielfalt oder zum formenverhafteten Fundamentalismus und - im Extremfall zum Kriege.

 
Vom Matterhorn zu den Drei Zinnen
Zermatt und Sexten, seine dritte Partnergemende

Es mag auf Anhieb schwerfallen, eine Gemeinsamkeit des Matterhorns mit den drei Zinnen aufzudecken und eine Brücke vom Urbild des Berges zu den nicht minder berühmten Wahrzeichen von Südtirol zu schlagen.

Der auf einer Ordnungszahl basierende Dorfname Sexten, dem Heimatort der Zinnen, und die schroffen Kalkgipfel der sogenannte Sextener Sonnenuhr: Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer und Einser, ermuntern uns förmlich zu einer kleinen Zahlenspielerei.

Im Matterhorn türmt sich die Eins, der ungeteilte göttliche Urwille, himmelsweisend auf und doch tritt schon die Dreiheit in der Einheit“ zutage: das eine Horn mit den – von Zermatt aus sichtbaren – drei Gratlinien.

Die nach Ludwig Trenker zum „höchsten Himmel der Dolomiten“ emporlodernden Flammenzungen der Zinnen weiten den Begriff „Gipfel“ zur Trinität. Es wird selten von einer der Zinnen gesprochen, denn sie treten immer als Ganzes auf; erscheinen gleichsam als Sinnbild der „Einheit in der Dreiheit“. Wie wir nun diese rätselhafte Zahlenklauberei auch immer gewichten, in beiden Bergen wohnt etwas Unerklärliches, Magisches inne, was ihre Ausstrahlung und die Faszination, die schon in ihrem Namen aufklingt, beleuchtet.

Auch wenn der aus St. Ulrich im Schatten des Langkofels aufgewachsene Ludwig Trenker sich stets um eine Parallele seines Hausberges mit dem Matterhorn bemühte, der „Berg der Berge“ und die Drei Zinnen gleichen sich in ihrem majestätischen Abseitsstehen. Beide üben eine riesige Anziehung auf die von ihrem Nimbus angezogenen Menschenscharen aus. Gilt das Matterhorn als das Traumziel des klassischen Gipfelstürmers, verlocken die Drei Zinnen die weltbesten Kletterkünstler. Zum nicht geringen Erstaunen vieler ihrer flüchtigen Bewunderer zählen jedoch beide Berge nicht zu den mächtigsten ihrer Region; sie trumpfen nicht nur durch ihre Höhe auf, sondern schlagen die Menschen durch Harmonie und Schönheit in Bann.

Auch die Geschichte der Erstbesteigung der zwei als unbezwingbar geltenden Felsbastionen verlief ungefähr zur selben Zeit nach ähnlichem Muster. Von ihrem Mythos betört, bemühten sich zwei ehrgeizige Bergpioniere beharrlich um ihre Eroberung: Edward Whymper am Matterhorn und Paul Grohmann an der Grossen Zinne.

Wohl erfolgte der entscheidende Impuls − sei es 1866 am Matterhorn und drei Jahre später an der grossen Zinne − von auswärts. An beiden Unternehmungen waren jedoch einheimische Führer beteiligt.

Was lange währt, wird endlich gut

Sexten ist nach Alfano in der Provinz Salerno und dem japanischen Myoko die dritte Partnergemeinde von Zermatt und das kam nicht von ungefähr. Erste Kontakte der beiden Bergsteigerzentren begannen schon 1983 beim Sextener Interskikongress, welchen der Zermatter Robi Biner präsidierte. Was als unverbindlicher Flirt anfing, mündete in ein unerwidertes Liebeswerben, denn es waren die zurückhaltenden Zermatter, die sich der beharrlichen Sextener Annäherung lange versagten. Doch gewisse Dinge muss man, wie der Sextener Bürgermeister Willy Rainer pointierte, einfach wachsen lassen; sie werden, wenn ihre Stunde gekommen ist, von selbst erblühen.

Zwischen den beiden damaligen Gemeindepräsidenten Willy Rainer und Robert Guntern entstand eine Freundschaft und die führte schliesslich zum durchschlagenden Erfolg. Die Verschwisterung wurde anlässlich der „Vertikalen Arena“ am 12. Oktober 2002 im Zinnendorf formell besiegelt. Sicher trug auch der geschätzte, seit Jahren in Zermatt ansässige und hier eingebürgerte Sextner Sepp Tschurtschenthaler viel zu dieser Freundschaft bei.

Sexten und Zermatt teilen viel Gemeinsames: Beide Ferienorte begannen sich vor 150 Jahren aus einfachen Bergdörfern zu weithin bekannten Touristenzentren zu entwickeln. Beide gelten – sei’s für die West- oder für die Ostalpen − als Mekka der Bergsteiger. Sowohl Zermatt, der südlichste deutsch sprechende Ort in Europa, − Siebenbürgen und Banat liegen nördlicher − als auch Sexten bilden die Sprachgrenzen zur lateinischen Welt. Beide Bergdörfer sind an mehr oder minder bedeutenden uralten Handelswegen, im Spannungsfeld romansicher und germanischer Kultur, gelegen. An beiden, vormals keltisch besiedelten Orten verdrängte vor ca. 1000 Jahren das Deutsche das Ladinische bzw. Rätoromanische. Die kulturelle Identität beider Dörfer wurzelt in der Berglandwirtschaft und wurde, wie viele sakrale Bauwerke und Bräuche bezeugen, durch Barock und Gegenreformation stark geprägt. Ähnliche Formen der Frömmigkeit spiegeln sich hier wie dort nachhaltig in verwandten Bräuchen wie z. B. dem Fronleichnamsfest.

Verschieden aber ist die Topographie!

Die Dolomiten und die karnischen Alpen sind älter, also verwitterter als die Westalpen. Sie sind in der Triaszeit (vor 220 Millionen Jahren) durch Aufwölben und -falten eines Meeresboden aus Kalk und Dolomit entstanden.

Sankt Veit, wie Sexten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts genannt wurde, ist auf 1310 m ü. M. lieblich in einer weiträumigen „Voralpenlandschaft“ gebetet. Der Name St. Veit dürfte vielen älteren Menschen im Wallis durch die damals auch bei uns vielgelesenen Erzählungen und Kalendergeschichten des populären Priesterdichters Reimmichl (eigentlich Sebastian Rieger (1867 −1953) noch vertraut sein.

Sexten ist im Vergleich zum mondäneren Zermatt mit fast 2000 Einwohnern ein Dorf mit sieben weit gestreuten, hier Fraktionen genannten Weilern geblieben. Es verfügt über viele Landreserven, um welche sie das überbaute Zermatt beneiden muss, denn sogar im Talgrund breitet sich teilweise Kiefergehölz. Die grossräumige Landschaft prägt das Dorf und spiegelt sich in der generösen Siedlungsstruktur: Hier atmet alles einladende Beschaulichkeit.

Ca.13% der Bevölkerung findet ihren Erwerb immer noch in der Landwirtschaft. Im Talkessel verstreut finden sich viele traditionsreiche, gepflegte Höfe wie z. B. der Tschurtschenthalerhof, der älteste Stammhof im Tale. Auch das Gewerbe (Lodenhüte, Holzverarbeitung und Schnitzerei) spielt eine nicht unbedeutende wirtschaftliche Rolle. Weltberühmt sind die geschnitzten Sextener Krippen, in denen sich innige Frömmigkeit und kunsthandwerkliches Geschick vermählen.

Die Sextener sind – das spürt man auf Anhieb – ein lebensfroher Menschenschlag, der allem Unvermeidlichen mit Gelassenheit begegnet, der seine gute Laune also niemals von den Kapriolen des Wetters vergrauen lässt. Es sind besonnene Menschen mit Herz und Sinn, die aufeinander zugehen können und die sich, weil sie eine gesunde Balance von Fortschritt und Traditionen bewahren, nicht vom Glamour einer rasanten Entwicklung verblenden lassen.

Zermatt könnte vom kleineren Sexten sehr viel lernen: der ausgeprägte Gemeinsinn, die grosszügige öffentliche Infrastruktur, die sorgfältige Pflege von Haus, Hof und Landschaft und vor allem von seiner unübertrefflichen, weitherzigen Gastfreundschaft. Denn die Südtiroler sind sehr offen und verfügen über ein grosses Flair für den Tourismus. Kein Wunder, dass es sogar im Sommer oft schwierig ist, im sympathischen Dolomitendorf noch Zimmer zu finden.

 

Jahresreigen

 

Der Frühling, Orpheus Urgesang,

Weckt – schlafgefangen – Morgenklang,

Der ungestüm sich Bahnen bricht

Vom Erdendunkel hin zum Licht.

 

Zur Sommerfülle reift die Kraft,

Die Sonnenglut zusammen rafft

Und kulminiert zur Mittagszeit

In gleissend heitrer Helligkeit.

 

Der Herbst entquillt des Sommers Glut,

Verklärt verträumten Übermut,

Der kühl, vom Abendwind umfaucht,

Im Welken Lebenslust verhaucht.

 

Der Winter wiegt – gefühllos klamm –

In Schlaf den matten Lebensstamm.

Kultur zur spröden Form getürmt,

Zerbricht wie Packeis,wenn es stürmt.

 

So rundet sich, erstarrt in Eis,

Wie er begann, ein Jahreskreis,

Bevor erneut aus Winternacht

Voll Kraft zum Leben er erwacht.

 

«Im Wallis liegt ein stiller Ort»

  Aroleit, Harmonie von Natur und Kultur

Steil und 2000 m ansteigend reckt sich im Süden von Zermatt ein wuchtiges Bollwerk empor, das unser zur mondänen Tourismusstätte angewachsenes Dorf im ewigen Schnee des Theoduls gegen Italien abschirmt. Am untersten abgeflachten Teil dieses Sperrriegels, kurz bevor sich der Gorner- und der Zmuttbach wildschäumend zur Matter-Vispe vermählen, dehnt sich Aroleit mit den drei Weilern Blatten, Zum See und Furi. Aroleitero, wie es in alten Urkunden erscheint, ist mit Hofero, Wychelmattero und Muttero eine der vier Ansiedlungen aus denen sich das spätere Zermatt (Zur Matte) formte. Gerade Aroleitero widersetzte sich lange einem Zusammengehen mit den drei anderen schon früher vereinten Gemeinwesen, was doch ein gehöriges Mass an souveräner Selbsteinschätzung verrät.

Abwechslungsreiche Kulturlandschaft

Wir verdanken die abwechslungsreiche Kulturlandschaft von Aroleit der zähen Hartnäckigkeit unserer Vorfahren. Sie haben die damals unwirtliche Gegend in diesem von Zmutt- und Gornerbach begrenzten Dreieck, durch mühselige Kulturarbeit in einen reizvollen Lebensraum verwandelt und uns, ohne die Natur zu vergewaltigen, dadurch ein anschauliches Vermächtnis ihres kargen aber ausgewogenen Lebensstils geschenkt. Sie trotzten dem steinigen Boden Äcker und Magerwiesen ab, liessen aber an steileren Stellen schattenspendendes Arven- und Lärchengehölz stehen, schützten die natursteingepflästerten Wege durch kunstvolle Trockenmauern und errichteten – harmonisch in die Landschaft gebettet – die drei erwähnten Weiler. Sie schufen also genau die Lebensform, die hierher passt, die uns durch ihre Harmonie betört und die es um jeden Preis zu schützen gilt. Natur und Kultur bedingen sich nicht nur, sie erzeugen eine – gerade in Aroleit – spürbare inspirierende Spannung. Aroleit zog Künstler seit jeher magisch an. Denken wir nur an die beiden vielseitigen Maler Albert und François Gos, an die eine an einem Findling bei Blatten angebrachte Tafel erinnert.

«Es seufzt ein Gram im Namen fort»

Der wohlklingende Name, «Aroleit», hat keinen Geringeren als Gottfried Keller zu seinem weitum bekannten Gedicht, «Aroleid», inspiriert:

Im Wallis liegt ein stiller Ort,

Geheissen Aroleid;

Es seufzt ein Gram im Namen fort,

Seit lang entschwundner Zeit.

 

Ein Berghirt hing in Todsgefahr

Am steilsten Firnenrand,

Ihn stiess hinunter dort der Aar,

Wo keiner mehr in fand.


In diesen beiden (und sechs weiteren melodischen) Vierzeilern schildert uns der bedeutendste Schweizer Dichter eine makabre Fama von Aroleit: Ein Adler raubt einer arbeitenden Bergbäuerin ihr am Waldrand schlafendes Kind. Doch nicht genug, auch ihr Mann, der am steilen Firnenrand hing, wird vom entfesselten Aar ins Tobel gestossen. Doch, mit Verlaub zu sagen, hier irrte sich der mythenkundige Stadtschreiber! Denn – was eigentlich ja noch poetischer wirkt, nicht des Greifs scharfe Fänge, sondern Pegasus' lichte Schwingen haben Keller zu diesem wunderschönen Poem beflügelt, das die damalige rigide Lebenseinstellung poetisch einfängt. Der Name, Aroleit, hat zumindest etymologisch nichts mit einem vom Aar verursachten Leid zu tun, sondern fusst auf einer uralten lateinischen Ortsbezeichnung. (Aroleitum = Arvewäldchen)

 

Viele Flurnamen lassen jedoch, wie sich fast überall feststellen lässt, zwei oder sogar mehrere Herkunftsdeutungen zu. So kursiert denn auch eine alte Sage, die dem von Keller thematisierten Stoff zugrunde liegt und ihn wohl zu seinem Gedicht anregte.

Gottfried Keller ist beileibe nicht der einzige Dichter, der sich dem ausdrucksvollen Namen Aroleid zuwandte. Auch Johannes Jegerlehner erwählte ihn als Titel seines um die Jahrhundertwende viel gelesenen Romans, «Aroleid a us dem Leben eines Bergpfarrers». Bei diesem Titel hat es wohl eine ähnliche Bewandtnis wie mit Theodor Storms Novelle «Immensee». Beide Dichter spannten einen klangvollen, damals beliebten Namen als schillerndes Zugpferd einer epischen Erzählung vor.

Des einen Freud, des andern Leid

In Anbetracht der im Winter vom Aroleit ohrenzerreissend nach Zermatt hinunter dröhnenden Rockklänge, müsste Gottfried Kellers Gedicht heute umgeschrieben werden. Denn ein geschäftstüchtiger Zermatter hat – chacun à son goût! – das lauschig dahinträumende Bergrestaurant im unteren Aroleit nach tirolischer Manier in eine lärmige Open-Air-Bar verwandelt, deren schmissige Klänge junge Skisportler wie ein Magnet anzieht.

 

Im Wallis lag ein stiller Ort,

Geheissen Aroleit,

Der träumte lange friedvoll fort

Von längst entschwundner Zeit.

 

Wer dorthin seinen Schritt gelenkt,

Fand, aller Hast entrückt,

Durch Winterstille reich beschenkt,

Sich dankbar und beglückt!

 

Das ist vorbei, nun dröhnt von dort

Ein Ohr verletzend Klang,

Scheucht Winterfrieden von hier fort,

Betäubt des Baches Sang!

 

Immerhin müssen wir dieser umstrittenen Lärmquelle zugutehalten, dass sie die im Namen, Aroleid, schlummernde leidvolle Bedeutung erweckt.

«Ballenberg» in Zermatt

Der tosende Gornerbach im Osten hat in tausenden von Jahren ein 50 m tiefes Bett in die Serpentinitfelsen gefurcht und eine seit bald hundert Jahren allen zugängliche Sehenswürdigkeit geschaffen. Es lohnt sich, den kleinen Obolus beim Eintritt zur «Gorges» zu entrichten und genussvoll durch die wildromantische Gornerbachklamm nach Blatten zu wandern.

Blatten, das heimelige, an schönster Lage prunkende Dörfchen ist sich selbst bis heute treu geblieben. Tatsächlich scheint es uns in eine andere, einfachere Zeit zurück zu versetzen. Die schlichte, 1640 erbaute Marienkapelle kontrastiert wie Hell und Dunkel mit den gebräunten gut erhaltenen Häusern, Speichern und Ställen. Der Kräutergarten von Ricola rundet das Ganze zu einem lohnenden Ausflugsziel ab. Blatten präsentiert sich heute als Idylle, die ihr schmuckes Weiterbestehen einer liebevollen von der Gemeinde forcierten Pflege verdankt. «Es gibt nicht Gutes, ausser man tut es!» Dafür werden spätere Generationen dankbar sein! Um das zu schätzen, müssen wir nur die herausgeputzten Speicher und Ställe von Blatten den verfallenden Stallungen hinterm Restaurant Sonnmatten in Winkelmatten gegenüberstellen! Stadel, Speicher und Ställe sind doch Zeugen einer verflossenen Bergbauernkultur, die es wie die Dome und Paläste in der Toscana zu unterhalten gilt!

Blatten ist Stammheimat der berühmten, in Zermatt in Aufdenblatten veränderten Familie Blatter. Viele Nachkommen dieses Geschlechts gelangten, wie Stanislaus Kronig in seiner Zermatter Chronik berichtet, im Wallis zu höchsten Ehren und Ämter. Auch der legendäre Humanist und Reformator Thomas Blatter aus Grächen soll ihr – se non è vero, è ben trovato – entstammen.

Zum (verschwundenen) See

Von Blatten führen verschiedene Wege nach «Zum See», der Seele von Aroleit. Der Name dieses malerischen Dörfchens rührt zweifellos von einem früheren See her. Mitten im Dörflein stossen wir auf das Aroleiter-Haus mit seiner bekannten Gaststätte und unweit davon auf die schlichte aber äusserst gefällige, der heiligen Barbara geweihten Kapelle. Dr. Rudolf Taugwalder hat, wie er 1983 in der Erstausgabe der Zeitschrift «Berge» beschreibt, das prächtige, vielen Mitbesitzern gehörende Haus ganz erworben und liebevoll restauriert.

Die volkstümliche Barbara scheint als Schutzpatronin der Knappen, Mineure und Artilleristen einen ehrlichen Pulverqualm jeder lieblos heruntergehaspelten Litanei vorzuziehen. Kein Wunder erfreut sich diese geschätzte Heilige überall, wo's so richtig knallt und kracht inbrünstiger Verehrung.

Auch Zum See wurde oft besungen. Der grosse Freund des Wallis, Professor Dr. Kurt Biener, erkor den idyllischen Ort zum Schauplatz seines humorvollen Gedichts, die Biner Saga, das er im Band «Wallis» der Reihe, «Verliebt in die Schweiz» veröffentlichte. Freilich entlehnte auch er den Stoff einer alten Aroleiter Sage. Biener schildert in einem rhythmisch und klanglich vollendeten humorvollen Gedicht die Errettung der Familie Biner vor dem Aussterben durch das hartnäckige, von einer Maus inspirierten Brautwerben ihres letzten Vertreters. Auch wenn der Wahlzürcher Biener ursprünglich aus Deutschland stammt und sein auf «ie» lautender Namen nichts mit den Zermatter Biner zu tun hat, fühlte er sich offenbar von der Biner Sage angesprochen.

Ein kontrastreicher Seilbahnknotenpunkt

Von Furi lässt sich bald nicht mehr von einem Dörfchen sprechen. Es ist in den letzten fünfzig Jahren fast zu einem Verkehrsknotenpunkt angewachsen. Dieser «Umschlagplatz» verdankt seine Entfaltung ursprünglich dem durch die Grand Dixence forcierten Ausbau der Flurstrasse von Findelbach nach Stafel und natürlich dem Tourismus. Nicht weniger als drei Seilbahnen hieven von hier aus Gäste in die Regionen des ewigen Schnees am Klein Matterhorn, nach Riffelberg und nach Schwarzsee.

In Furi begegnen sich Welten: Landwirtschaft, Tourismus, Kraftwerk- und Seilbahnindustrie. Schäfer, Forstarbeiter, Jäger, Wanderer, Facharbeiter, Bergsteiger, Ski- und Tourenfahrer und Biker drücken sich die Türklinken der fünf Gaststätten in die Hand.

Trotzdem vermochte dieser Ort reger Betriebsamkeit – zu mindest in seinen versteckten Winkeln – ein ländliches Cachet zu bewahren. Rustikalität spiegelt sich auch in seinen fünf nicht nur durch Wanderer rege frequentierten Gaststätten. Denn auch heimkehrende Bergsteiger und Sommerskifahrer verweilen, ehe sie sich wiederum ins Gewühle der Stadt stürzen, gerne noch ein bisschen in dieser ländlichen Geborgenheit.

Wer diesen Hauch Innerlichkeit vertiefen möchte, stattet der schlichten, 1747 erbauten Kapelle, Maria zu den sieben Schmerzen, im versteckten Kern des Dörfchen Furi einen Besuch ab. Dieser friedliche Ort gebietet der Zeit, Stille zu stehen und rettet die ursprüngliche Atmosphäre von Aroleit in unsere flüchtige Zeit hinüber.

 

 

21. Dezember 2009

.